Idealbilder #2: Hör auf für ein Stück Papier zu Leben – Der „perfekte“ Lebenslauf

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Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen. In der Idylle vom glücklichen Familienleben, einem sicheren und geregelten Umfeld. Es gab für mich nie wirklich große Überraschungen, es gab eigentlich nie etwas worum ich mir wirklich hätte Sorgen machen müssen. Alles nahm so seinen Lauf, wie es eben sein sollte. Meine Eltern haben nach ihrer Schulzeit beide einen Beruf erlernt, in dem sie auch heute noch tätig sind. Sie haben mit Mitte-Ende 20 geheiratet und dann Kinder bekommen. Der Klassiker eben.

Der perfekte Lauf des Lebens

So bin ich also groß geworden und so hatte ich eine Vorstellung, wie das Leben ablaufen müsse: Die Schule erfolgreich abschließen, dann eine Ausbildung oder ein Studium aufnehmen, einen gut bezahlten Job finden, einen Partner kennenlernen, ein Haus bauen, heiraten, Kinder bekommen, jedes Jahr in den langersehnten Sommerurlaub fahren, …

Worst Case und No-Gos

In einer Kleinstadt wird einem dazu suggeriert, dass es nicht gut ist irgendwie aus diesem Schema herauszufallen. Wer anders ist, wird erst mal mit Missgunst betrachtet. Wer etwas wagt, dem wird erst mal nichts gegönnt und  wer den eigenen Weg geht, an den wird auch pauschal erst mal nicht geglaubt.

Die schlimmen Dinge, die mir passieren könnten, fingen schon in der Schulzeit an: In der Schule sitzen bleiben, oder im schlimmsten Fall die Schule ohne Abschluss zu verlassen.  Eine Ausbildung oder ein Studium nicht zu  Ende zu machen oder mehr als ein Mal zu wechseln. Seinen Job zu verlieren und arbeitslos zu sein. Mit 30 noch nicht verheiratet zu sein, oder sich wieder scheiden lassen.

Zwischen Leistungsdruck, Hobbies & Pubertät

So beginnt der Druck schon in der Schulzeit: Man muss gut sein um später Erfolg zu haben. Es gibt so viel Unterrichtsstoff, den man sich in den Kopf prügeln soll, der einen aber nicht unbedingt interessiert. Klar ist eine gute Allgemeinbildung wichtig, auch um viele Dinge in der Welt besser zu verstehen. Aber man muss als junger Mensch doch schon ziemlich viel abliefern: Ganztagsunterricht mit teilweise Bergen an Hausaufgaben, Vokabeltests und Klassenarbeiten.

Nebenbei sollte man optimaler weise noch ein paar Hobbies pflegen, um dem späteren Arbeitgeber zeigen zu können, dass man besonders teamfähig, sozial oder diszipliniert ist. Dazu kommen dann überflüssigerweise noch die verrücktspielenden Hormone, Freundschaften die zerbrechen und neu entstehen, die erste Liebe, Auseinandersetzungen mit den Eltern.

Bei mir persönlich hat das alles, auch Dank meiner entspannten Eltern, recht gut geklappt. Nach einem zwischenzeitlichen Schulwechsel hatte ich am Ende meiner Schulzeit ein gutes Abi vorzuweisen. Ich war in keinem Fach richtig schlecht, hätte aber auch nicht über mich sagen können, dass mir ein Fach gaaanz besonders gut liegt. Die Schule war geschafft  – Aber was dann?

Der Plan danach – Wohin soll es gehen?

Da man in der Schulzeit ziemlich wenig Zeit damit verbracht hat wirklich ernsthaft herauszufinden, was man mit seinem Leben anfangen will, steht man dann vor einem riesengroßen Fragezeichen. Was will ich überhaupt? Was macht mir Spaß? Was macht mich als Menschen aus? Vor allem: Was gibt es überhaupt für Möglichkeiten? Von unserer Konsumgesellschaft getrieben entscheiden sich viele dann für einen Bereich, in dem es gute Aussichten auf viel Geld und Karriere gibt. Wenn man seiner Familie und Bekannten etwas von einem nicht wirklich greifbaren, kreativen oder unbekannten Berufs- oder Studienfeld erzählt kommt meistens nur „Und wie willst Du damit mal Geld verdienen?“. Es folgt Ernüchterung und Neuorientierung.

Auf ins Studium!

Wenn man schon mal ein Abi hat, sollte man ja am besten auch studieren. Um aber überhaupt ins Studium zu kommen, muss der NC stimmen. Wenn man diese Hürde überwunden hat, geht der Druck dann im Studium direkt weiter. Die ersten Semester, es wird aussortiert. Wer nicht liefert, der wird eben rausgekickt, egal wie viele Nachtschichten eingelegt werden müssen. Man muss einfach funktionieren und abliefern.

Das Studium sollte man dann möglichst in Regelzeit schaffen, damit man ja keine Zeit verliert und nicht unmotiviert oder faul rüberkommt. Dazwischen noch ein paar Praktika, die machen sich ja auch gut im Lebenslauf und wer kein Auslandssemester gemacht hat, hat fast schon verloren. Wenn man dann aber ins Berufsleben starten will, ist man doch zu jung, hat zu wenige Erfahrungen und stellt sowieso zu hohe Forderungen. Hallo Praktikentenjob!

Oder doch eine Ausbildung?

Alternativ könnte man sich erst für eine Ausbildung entscheiden. Da hechtet man zwar nicht den CPs und guten Noten hinterher, sondern versucht eher einfach reinzupassen und Anerkennung zu bekommen. Man will nicht aufmüpfig sein und passt sich seinem neuen Umfeld an. Man denkt kaum an seine Bedürfnisse, setzt sich nicht groß zur Wehr, wenn einem etwas nicht passt. Man ist ja schließlich Azubi und hat nicht viel zu sagen. Statt wirklich gefördert zu werden, wird man oft nur untergebuttert und lässt sich viel zu viel gefallen.

Hineingepresst ins System

Man will von Anfang an gut sein und oben mitspielen. Hat nie wirklich Zeit sich selbst richtig kennen zu lernen und auch keinen Raum um herauszufinden, was es alles für Möglichkeiten gibt. Man springt von einer Station zur nächsten ohne sich wirklich zu fragen, ob die nächste Station wirklich erstrebenswert ist. Es gibt keinen Raum für die persönliche Entwicklung.

Ich bin mir sicher, dass man auch in diesem System sein Glück finden kann, das ist ja auch nicht verkehrt. Aber ich bin mir ebenso sicher, dass es wahnsinnig viele Selen gibt, die in diesem System untergehen und einen Weg gehen, der eigentlich nicht für sie gemacht ist.

Die Angst zu versagen und nicht dazu zu gehören, nicht akzeptiert zu werden ist häufig einfach größer, als der Glaube an sich selbst. Der Glaube an den Weg, der sich von diesem System entfernt. Wie viele Menschen leiden unter Depressionen und Burnout, weil sie dem ganzen Druck nicht mehr standhalten können? Viel zu viele! Wie oft passen äußere und innere Realität nicht zusammen, sodass viel zu viel negativer Stress entsteht, der dann u.a. auf unschuldige Azubis abgewälzt wird? Viel zu oft.

In sich horchen – Jeder ist besonders

Ich glaube, dass jeder Mensch irgendwo eine Leidenschaft in sich trägt, ein Talent hat oder besondere Fähigkeiten besitzt. Diesen Dingen kann man aber nicht begegnen, wenn man blind einem Schema folgt, das einem vorgegeben wird. Das Leben hat doch mehr zu bieten! Man sollte viel häufiger seinem Herzen folgen und in sich hineinhorchen, um zu erfahren, was einen wirklich erfüllt und glücklich macht. Meiner Meinung nach ist es auch nie zu spät diese Leidenschaft zu erkennen und auszuleben. Je früher man damit anfängt, desto einfach er ist es natürlich. Aber nur weil es später nicht einfacher ist, heißt es ja nicht, dass es sich nicht mehr lohnt.

Ich persönlich bin jetzt als arbeitsloser Azubi auch irgendwie aus diesem System gefallen und dachte immer, dass es eines der schlimmsten Dinge ist, die mir passieren können. Jetzt, wo ich „draußen“ bin, muss ich aber sagen, dass ich gar nicht mehr zurück will. Ich gehe jetzt meinen eigenen Weg und es ist mir egal, was an dieser Stelle in meinem Lebenslauf steht. Ich mache das, worauf ich wirklich Bock habe. Ich glaube an mich und an den Weg den ich gehe. Das ist alles was für mich zählt.


Was sind eure Erfahrungen zu diesem Thema?

Lasst es mich wissen! 🙂

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Weitere Teile der Serie:

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Teil 3.1 – Idealbilder: Schönheitsideale – Lass Dir nicht sagen, wie Du auszusehen hast >>

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